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Emotionale Intelligenz - Die Macht der Gefühle

27.07.2017

Je besser ein Mensch Emotionen einschätzen kann, desto erfolgreicher meistert er sein Leben. Die Fähigkeit lässt sich trainieren – und missbrauchen.

Wenn Konstantinos Petrides seinem Sohn nur eine einzige Sache im Leben mitgeben könnte, dann wäre es diese: sich selbst gut zu kennen. Der Sohn ist gerade neun geworden, und Petrides sieht ihn zwei bis drei Tage pro Woche, weil die Eltern getrennt sind und der Junge bei der Ex-Frau lebt. Petrides nutzt die Zeit, die er hat.

Er spricht mit ihm darüber, wie sich Angst im Körper anfühlt oder Wut, und was man machen kann, wenn diese Gefühle einen überrollen. Er erklärt ihm, wie man bei anderen erkennt, was in ihnen vorgeht, in ihrer Körperhaltung, in der Mimik, im Tonfall. Er hilft dem Jungen, die eigenen Gedanken infrage zu stellen, vor allem die negativen. Und er zeigt ihm, wie man schlechte Gedanken und Gefühle loswird, egal, woher sie kommen. Nur wer sich selbst gut kennt, kann integer handeln, glaubt Petrides.

Konstantinos Petrides arbeitet am University College in London und leitet dort das Psychometric Laboratory, wo die Persönlichkeit von Menschen vermessen wird. Der Psychologe hantiert tagtäglich mit Zahlen und statistischen Modellen, mit Graphen und Tabellen.

Eine Eigenschaft misst und erforscht er am liebsten. Die, die er bei seinem Sohn zu fördern versucht. Sie beschreibt, wie gut Menschen Gefühle bei sich und anderen erkennen und benennen können. Wie gut sie verstehen, woher diese Gefühle kommen und wie man mit ihnen umgehen kann. Wie man sie hält, wenn sie einem guttun, und in etwas anderes verwandelt, wenn sie behindern.

Emotionen beeinflussen jeden einzelnen Gedanken

Die Rede ist von emotionaler Intelligenz. Wie gut jemand Gefühle bei sich und anderen lesen, interpretieren und steuern kann, hat einen enormen Einfluss auf fast alles im Leben, wie die Forschung gezeigt hat. Emotionale Intelligenz entscheidet mit darüber, wie gut jemand in der Grundschule zurechtkommt, ob er als Teenager Drogen nimmt, welchen Job zu welchem Gehalt er bekommt oder wie er Krisen in der Partnerschaft meistert.

„Wir glauben gern, dass der Job, der Partner oder Geld es sind, die entscheiden, wie unser Leben verläuft“, sagt Petrides. „Ich glaube aber, dass emotionale Intelligenz das Wichtigste ist. Es ist das mächtigste Werkzeug, das wir haben.“ Und weil es so mächtig ist, erforschen Wissenschaftler seit Kurzem auch eine andere, die dunkle Seite der emotionalen Intelligenz. Denn so geschmeidig emotionale Intelligenz das Zusammenleben machen kann – sie ermöglicht auch Manipulation und Einflussnahme im großen Stil.

Anfang der 90er-Jahre erkannten die US-Forscher Peter Salovey und John Mayer als Erste, wie unterschiedlich Menschen mit ihren Gefühlen und denen anderer umgehen und wie ihre Emotionen alles beeinflussen: jeden Gedanken, jedes Urteil, jede Handlung. Emotionen sind mächtig genug, um über das Schicksal von Menschen zu entscheiden, glaubten sie. Doch viele Kollegen winkten damals noch ab.

„Emotionale Intelligenz war ein sehr umstrittenes Konstrukt“, sagt die Psychologin Astrid Schütz. Die Professorin für Persönlichkeitspsychologie leitet das Kompetenzzentrum für Angewandte Personalpsychologie an der Universität Bamberg und forscht unter anderem zur Diagnostik und Trainierbarkeit emotionaler Intelligenz. „Zu Beginn war man sich nicht sicher, ob das nicht nur alter Wein in neuen Schläuchen ist, also zum Beispiel eine Facette von Intelligenz. Aber inzwischen wissen wir: Das ist es nicht.“

Emotionale Intelligenz macht das Leben leichter

Als der Psychologe Daniel Goleman 1995 das Buch „Emotional Intelligence: Why it can Matter More than IQ“ veröffentlichte, kam der Durchbruch. Jeder sprach plötzlich von emotionaler Intelligenz. Journalisten, Manager, Politiker, alle wollten wissen, wie die Fähigkeit mit dem schillernden Namen ihr Leben bestimmt und wie sie sich nutzen lässt. Der Begriff EQ wurde populär: emotionaler Quotient, in Anlehnung an den IQ, der als Maß für Intelligenz gilt.

Und die Forschung boomte. Auch Astrid Schütz begann, sich für die emotionale Intelligenz zu interessieren. Anders als Konstantinos Petrides, der den EQ für eine Persönlichkeitseigenschaft mit vielen einzelnen Facetten wie Selbstkontrolle, Geselligkeit, Wohlbefinden und Emotionalität hält, sieht Schütz ihn eher als eine Fähigkeit an. Diese bestehe aus drei Komponenten: der Wahrnehmung von Gefühlen, der Interpretation von Gefühlen und der Regulierung von Gefühlen – jeweils bei sich und anderen.

Einig sind sich die Psychologen aber darüber, dass hoch ausgeprägte emotionale Intelligenz es einem im Leben von Anfang an leichter macht. Das fängt im Kindergarten an. Ein Kind mit hohem EQ spürt genau, dass zu viele Trotzanfälle den Erzieher verärgern und die Freunde verschrecken. Es lernt schnell, dass andere einen mögen, wenn man mit ihnen teilt und sie vor anderen verteidigt. Und es versteht, dass das wiederum eine Hilfe dabei ist, zu bekommen, was es selbst will.

Ab der Grundschule, also etwa dem Alter, in dem Petrides‘ Sohn gerade ist, hilft emotionale Intelligenz dabei, am Ende des Schuljahres gute Noten nach Hause zu bringen. Nicht, weil soziale Kompetenz an sich mit schulischen oder akademischen Leistungen einhergehen würde. Sondern weil sie indirekt einen Beitrag dazu leistet.

In manchen Jobs geht es nicht ohne EQ

Petrides‘ Sohn wird sich vermutlich leichter in neue Gruppen einfügen. Er wird bei Freunden beliebt sein, weil er den richtigen Ton trifft, gut trösten und Streit schlichten kann. Er wird sich Unterstützung suchen, wenn er etwas im Unterricht nicht verstanden hat oder es ihm schlecht geht. So baut er sich ein Umfeld zusammen, das positiv ist und ihn auffängt, wenn es nötig ist.

Bis ins Erwachsenenalter hinein haben deshalb jene, die emotional intelligent handeln, weniger psychische Probleme als andere, nehmen seltener Drogen oder werden weniger häufig kriminell. Weil sie ihre Ängste und Sorgen gut managen, schwänzen sie seltener die Schule, kommen in Ausbildung und Studium besser voran.

Sie überzeugen eher als andere in Bewerbungsgesprächen, weil sie geschickt verhandeln, verdienen sie oft mehr. Und schließlich werden sie häufiger als Führungspersönlichkeiten wahrgenommen – und landen auch eher auf entsprechenden Posten.

In manchen Berufen kann sogar nur brillieren, wer sich mit den eigenen Gefühlen und denen anderer nicht schwertut, wie Untersuchungen von Astrid Schütz zeigen. Der Student im Callcenter etwa schafft es nur mit einer großen Portion emotionaler Intelligenz, aufgebrachte Kunden zu besänftigen.

Er muss spüren, woher die Aufregung rührt: Fühlt sich der Kunde von der Firma hintergangen und getäuscht, bringen ihn Lieferprobleme in eine wirklich unangenehme Lage – oder hat er einfach gerade Stress zu Hause? Nur wer das versteht, kann adäquat reagieren. Emotionale Intelligenz heißt zu spüren, was der andere braucht. Will er beruhigt werden, macht er sich Sorgen? Verlangt er Fairness und braucht einen monetären Ausgleich? Oder möchte er einfach eine ehrlich klingende Entschuldigung hören?

Emotionale Intelligenz steigert Zufriedenheit im Beruf

In vielen Berufen spielt dieses Gespür eine große Rolle. So muss die Flugbegleiterin wissen, wie der Passagier tickt, der ihr Avancen macht – und Freundlichkeit mit Bestimmtheit geschickt verbinden, um ihn abzuwimmeln. Therapeuten und Ärzte sollten es nicht nur schaffen, sensibel mit ängstlichen Patienten oder trauernden Angehörigen umzugehen, sondern auch, die emotionale Last anderer nicht mit nach Hause zu nehmen.

Wer wie Lehrer und Führungskräfte andere zu etwas bringen soll, was keinen Spaß macht, muss ein feines Gespür dafür haben, wie man Menschen motiviert. Und Polizisten sollten Experten in Krisenkommunikation sein: Sie müssen dominant und selbstsicher auftreten, auch wenn es in ihrem Innern ganz anders aussehen mag.

Zwar beflügelt emotionale Intelligenz die Leistung im Beruf nur bei Jobs, die solch harte Emotionsarbeit fordern. Aber sie hilft auch dabei, zufrieden zu sein mit dem Job, den man gerade hat. Das zeigt eine Studie, die Konstantinos Petrides bald veröffentlichen wird. Emotionale Intelligenz, so das Ergebnis, schützt davor, im Beruf unglücklich zu werden.

Bei einer Analyse von Angestellten aus mehr als 26 verschiedenen Berufen in Branchen wie dem Verlagswesen, der Produktion und der Dienstleistung fand der Psychologe heraus, dass jene mit hoher emotionaler Intelligenz durchweg zufriedener waren als jene mit niedriger. Ihnen gelang es offenbar viel besser, sich abzugrenzen, wenn ihnen etwas zu viel wurde, oder Niederlagen und Enttäuschungen ins Positive zu verkehren.

Sie suchten sich eher Mitstreiter für Projekte und forderten Lob und Anerkennung ein, wenn sie es brauchten. Man kann sagen: Sie bauten sich den Arbeitsplatz und die Arbeit selbst so zurecht, dass er ihren Bedürfnissen entsprach.

Hoher EQ hilft dabei, den Durchblick zu behalten

Das zeige, wie viel Macht der Einzelne darüber habe, sein Leben als gelungen oder unglücklich wahrzunehmen, sagt der Psychologe. Und zwar ganz unabhängig davon, wie dieses Leben konkret aussieht. Dazu müsse man aber eben wissen, wann es einem aus welchen Gründen nicht gut geht, wie man das ändern kann – und wie man andere dazu bekommt, einem dabei zu helfen.

Emotionale Intelligenz ist also eine Art Selbstversicherung: Sie hilft dabei, im Leben den Durchblick zu behalten, und sich das zu holen, was man für ein glückliches, erfülltes Leben braucht. Mit ihrer Hilfe schafft man es, unter allen Umständen ein gesundes Selbstwertgefühl zu bewahren, und sich nicht zum Spielball der Emotionen anderer zu machen.

Doch alles, was zum Guten verwendet werden kann, lässt sich auch zum Schlechten einsetzen. Wer sich selbst gut kennt und seine Gefühle ohne größere Anstrengung managen kann, dem fällt es auch leichter, seine wahren Motive und Ziele zu verheimlichen, wenn er es will – oder Gefühlsausbrüche zu forcieren und inszenieren, wenn ihm das Vorteile verschafft.

Wer Emotionen bei anderen erkennt und beeinflussen kann, kann sein Gegenüber ohne dessen Wissen instrumentalisieren, ihn sich gefügig machen und für die eigenen Zwecke einspannen. „Emotionale Intelligenz kann auch missbraucht werden“, sagt Astrid Schütz. „Wer andere ausnutzen und hintergehen will, Trickbetrüger etwa oder Hochstapler, der muss genau verstehen, was in anderen vorgeht, was sie denken und empfinden.“

Oft werden Kollegen und Freunde subtil manipuliert

Wie wirkungsvoll das sein kann, zeigen hochemotionale Reden von charismatischen Persönlichkeiten, unter ihnen auch Sektenführer, Diktatoren oder Demagogen. Ein Forscherteam um Jochen Menges von der University of Cambridge hat das kürzlich untersucht. Die Zuhörer, so das Ergebnis, waren nach solchen Reden emotional sehr berührt und gaben an, sich an sehr viel aus der Rede zu erinnern.

Doch genau das Gegenteil war der Fall: Sie hatten weniger kritisch zugehört und weit weniger Informationen behalten, als sie dachten. Einer, der das strategische Ausspielen von Emotionen in seinen Reden derart perfektioniert hatte, war zum Beispiel Adolf Hitler. Der Psychologe Adam Grant von der University of Pennsylvania berichtet das in einem Artikel des „Atlantic“. Hitler übergoss seine Zuhörer mit strategisch platzierten intensiven Gefühlen wie Wut, schreibt er.

Die Ausbrüche waren dramaturgisch aufgebaut und perfekt einstudiert. Der Effekt war genau der von Menges beschriebene: Die Menschen waren emotional so gefangen, dass sie Mühe hatten, kritisch zuzuhören.

Was mit Massen funktioniert, geht aber auch im Kleinen, von Mensch zu Mensch. Wer eine sehr hohe emotionale Intelligenz besitzt, manipuliert etwa überdurchschnittlich oft Kollegen oder Freunde, fanden kanadische Wissenschaftler heraus. Er hintergeht sie, stellt sie bloß, streut Gerüchte oder informiert sie falsch, wenn es ihm nützt.

Hoher EQ geht oft mit Narzissmus einher

Zu einem ähnlichen Ergebnis kamen Wissenschaftler der Kyoto University. Sie wollten wissen, ob emotionale Intelligenz häufiger für kooperatives oder eigennütziges Verhalten genutzt wird, und untersuchten das mithilfe eines Spieles, bei dem die Teilnehmer einander beeinflussen durften. Wer einen hohen EQ hatte, so das Ergebnis, tendierte dazu, andere für seine Interessen einzuspannen.

Wenn es ihm nutzt, dann lasse so ein Emotions-Intelligenzler gern einmal seine Fähigkeiten für sich spielen. Schlecht fühle er sich deswegen aber nicht unbedingt. „Menschen mit sehr hoher emotionaler Intelligenz haben auch ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein“, sagt Konstantinos Petrides. „Manchmal in einem solchen Ausmaß, dass sie sich als Zentrum der Welt sehen.“

Er selbst hat eine Studie bei Zwillingen durchgeführt die zeigte: Menschen mit hoher emotionaler Intelligenz sind sehr oft auch hochnarzisstisch. Und was ihn selbst erstaunte: Die Verbindung zwischen EQ und Narzissmus scheint zum größten Teil genetisch bedingt zu sein.

Wer sich davor schützen will, Opfer subtiler Manipulation zu werden, der kann bei Justin Bariso nachlesen, welche Strategien diese Menschen besonders oft nutzen. Von ihm wird bald ein Buch namens „EQ, Applied“ erscheinen. Fast jedes Gefühl bietet die Chance, es zu missbrauchen, glaubt er – und wer Manipulation erkennt, verfällt ihr nicht so leicht.

Jedes Gefühl lässt sich zur Manipulation nutzen

Eine sehr beliebte Methode sei zum Beispiel, bei anderen Angst zu schüren. Davor, etwas zu verpassen, zu vergessen oder das Vertrauen von jemandem zu verlieren. Das bringt Menschen dazu, Verträge abzuschließen oder Zugeständnisse zu machen, obwohl sie sich vielleicht gar nicht sicher sind, ob sie das wollen.

Eine andere Methode der Manipulation ist ihm zufolge, gute Laune zu forcieren und diese zu nutzen. Wer gut gelaunt ist, wird unkritischer – und lässt sich leichter dazu überreden, Ja zu sagen. Was auch sehr gut funktioniert: anderen ein schlechtes Gewissen einzureden. Wer Schuldgefühle hat, tut viel, um die Schuld wieder loszuwerden. Er wird fleißiger und mehr arbeiten, Zumutungen verzeihen und wenig fordern.

Bariso warnt auch vor kleinen Gefallen oder Geschenken, die man unverhofft bekommt. Denn oft, sagt er, versteckt sich dahinter die Forderung nach einer späteren, oft viel größeren Gegenleistung. Insgesamt sei es ratsam, die Gefühle, die von anderen an einen herangetragen werden, nicht zu den eigenen zu machen, sie zu hinterfragen und Distanz zu ihnen zu halten.

Hoher EQ schützt vor Manipulation anderer

Konstantinos Petrides hofft, dass sein Sohn auf solche Strategien später nicht hereinfallen wird. Die Chancen stehen nicht schlecht. Denn eines schützt recht sicher vor Manipulation: selbst einen hohen EQ zu haben. Und der Psychologe weiß, dass emotionale Intelligenz sehr wohl trainiert werden kann.

Man kann sie bei Erwachsenen stärken, wie Astrid Schütz es zum Beispiel als Coach in ihrem selbst entwickelten Training für Führungskräfte tut. Und man kann sie bei Kindern fördern, indem man ihre Wahrnehmung von Gefühlen schult, ihnen hilft, sie erkennen und zu benennen, bei sich und anderen.

Ob der EQ wichtiger ist als der IQ, darüber werden Experten wohl noch lange streiten. Aber eines ist klar: Er ist formbarer. Während man an der eigenen Intelligenz nur wenig ändern kann, wenn man sie erst einmal hat, lässt sich der EQ das ganze Leben lang fördern.

Hintergrund: Entdecken Sie Ihre emotionale Intelligenz!

Der TEIQueSF (Trait Emotional Intelligence Questionnaire Short Form) von Thomas International wurde von Dr. K.V. Petrides am Londoner Psychometrischen Labor des University College London entwickelt und bildet eine Momentaufnahme Ihrer emotionalen Intelligenz ab.

Test: Ihre emotionale Intelligenz

Hintergrund: Emotionale Intelligenz als Belastung

Eine stark ausgeprägte emotionale Intelligenz kann manchmal auch demjenigen zum Verhängnis werden, der sie hat. Weil Menschen mit einem hohen emotionalen Quotienten (EQ) die Gefühle anderer um sie herum schnell und deutlich wahrnehmen, sie sozusagen in den Gefühlen anderer „baden“, können sie diese Emotionen auch stärker belasten. Eine aktuelle Untersuchung von Myriam Bechtoldt und Vanessa Schneider an der Frankfurt School of Finance and Management zeigt, dass es zumindest das Stressgefühl erhöht, ständig mitzubekommen, ob andere traurig, wütend oder zufrieden sind.

Die Wissenschaftler hatten die emotionale Intelligenz bei rund 160 männlichen Studenten erfasst und sie dann ein simuliertes Bewerbungsgespräch vor einer sehr streng dreinschauenden Jury halten lassen. Je emotional intelligenter ein Versuchsteilnehmer war, umso höher war der in seinem Speichel gemessene Cortisolspiegel nach dem Job-Interview. Die Forscher fanden auch heraus, dass der Stress nach dem Gespräch unterschiedlich schnell wieder abnahm: Je höher das Testosteron-Level eines Probanden, also je größer sein Wunsch nach sozialer Dominanz, umso langsamer sank der Cortisolspiegel nach der Aufregung auf ein normales Level zurück.

Artikel von Fanny Jiménez
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Five components of emotional intelligence

06.03.2017

Sprechen, aber richtig!

24.07.2016

Wer mehr Wert auf seine Wortwahl legt, tut dies auch im Dienste des eigenen Wohlgefühls. Psychologen der Universität Jena haben mittels bildgebender Verfahren die Wirkung gehörter Worte im Gehirn erforscht und gezeigt, dass Vokabeln wie „quälend“ oder „zermürbend“ das Schmerzzentrum im Hirn genauso aktivieren wie Nadelstiche.

Richtige Formulierungen sollen dagegen Wunder wirken. Sprachexperten sind davon überzeugt, dass wir mit einer passenden Ausdrucksweise sogar unser Leben entschleunigen, Ehestreitigkeiten vermeiden und Probleme mit Kollegen beilegen können. Dies sind 13 Tipps von verschiedenen Fachleuten.

1. Gemach, gemach!
Wer wünscht sich nicht weniger Stress? Fast alle reden ständig davon – und laden ihn damit erst recht ins Leben ein. Floskeln wie „Ich muss noch schnell“, „ganz kurz“ oder „Kannst du mal eben …?“ sind in der Alltagssprache omnipräsent, hat die Sprachwissenschaftlerin Mechthild von Scheurl-Defersdorf beobachtet.

Im Kartensatz „Die Kraft der Sprache“, mit der man die Lingva-Eterna-Prinzipien trainieren kann, stellt sie fest, dass „Eine bejahende Sprache sich positiv auf die innere Haltung auswirkt und es leicht macht, Ziele zu erreichen.“

2. Ruhe dank Futur
Der moderne Mensch macht auch in der Sprache meist alles gleichzeitig: „Morgen gehen wir ins Kino“, „Ich muss nachher ins Meeting“ und „Nächste Woche fahre ich in den Urlaub.“ „Die meisten Menschen gebrauchen für alles Gegenwärtige und für alles Zukünftige das Präsens“, sagt von Scheurl-Defersdorf. „Sie packen damit alles Zukünftige in die Gegenwart.“ Kein Wunder, dass der Mensch dann vor lauter gefühlt dringenden, aktuellen Dingen unter Strom steht. Ein Ausweg: Die Grammatikform Futur.

„Es ist enorm entlastend, nur noch das Aktuelle in der Gegenwart zu formulieren“, sagt von Scheurl-Defersdorf. Also nicht mehr: „Ich muss morgen die Steuererklärung machen.“ Sondern: „Ich werde mich morgen der Steuererklärung widmen.“ Klingt doch gleich danach, als werde man es auch wirklich tun.

3. Weniger müssen müssen
Ein leidiger Glücks-Verhinderer in der Sprache ist das „ich muss“. „Oft ist es nur eine Frage der Formulierung, die dafür sorgt, dass man sich die Entscheidungsfreiheit wieder zurückerobert und aus der eingebildeten Knechtschaft befreit“, sagt Meike Winnemuth Kolumnistin des Magazins „Stern“.

Da liegt sie ganz auf Linie der Sprachwissenschaftler. „Ich muss morgen nach Berlin?“ Nein: „Ich werde morgen nach Berlin fahren“, so lautet die Lingva-Eterna-Formulierung. Auch die übrigen Modalverben können (oft in der Variante „ich kann nicht“), wollen, dürfen, sollen, mögen sind häufig überflüssig. „Erfolgreiche Menschen operieren viel weniger mit Hilfsverben – sie machen einfach“, versichert von Scheurl-Defersdorf.

4. Mit Grammatik gegen Liebeskummer
Nicht nur in Bezug auf zukünftige Ereignisse, auch in Richtung Vergangenheit kann eine klare Sprache mehr Gelassenheit schenken. In ihrem Buch „In der Sprache liegt die Kraft“ (Herder) schildert von Scheurl-Defersdorf das Beispiel einer Lehrerin, die ihrer Schulklasse den Unterschied zwischen den beiden Vergangenheitsformen Perfekt und Imperfekt erklärt.

Der Unterschied zwischen „Eva hat letzte Woche mit mir Schluss gemacht.“ (Perfekt) und „Eva machte letzte Woche mit mir Schluss.“ (Imperfekt)? Weniger Liebeskummer haben die Schüler, darin waren sich alle einig, mit dem Satz im Imperfekt! Denn, so von Scheurl-Defersdorf: „Das Perfekt wirbelt Gefühle auf und ist nah. Das Imperfekt beschreibt etwas, was in der Vergangenheit geschah. Es ist sachlich und bringt innere Ruhe und Gelassenheit.“ So kann man die Dinge, die erledigt sind, auch wirklich gedanklich beiseitelegen. Machen Sie mal die Probe: „Letztes Jahr habe ich im Krankenhaus gelegen.“ Oder: „Letztes Jahr lag ich im Krankenhaus.“

5. Streiten wie ein Politprofi
Die Kognitions- und Sprachforscherin Elisabeth Wehling, die Politikern beim Kommunizieren hilft, hält auch für Privatmenschen Tipps parat, wie sie ihre Botschaften in die richtigen „Frames“ einbetten. Unter Frame versteht man den Deutungsrahmen, oder wie sie das formuliert „den Zusammenhang mit dem Weltwissen“ einer Idee oder eines Worts. „Stellen Sie sich eine Mutter vor, die Sparsamkeit als hohen Wert betrachtet, während ihr Sohn Großzügigkeit besonders wichtig findet. Dann kommt es schnell zum Konflikt“, erklärt sie. Angenommen, der Sohn schenkte dem Neffen ein teures Modell-Motorboot, die Mutter würfe dem Sohn deshalb mal wieder vor, er sei verschwenderisch. „Dann wäre es aus Sicht des Sohnes unklug, zu kontern, er sei ja gar nicht verschwenderisch“, sagt Wehling.

„Denn eine Idee zu verneinen bedeutet, sie zu aktivieren – und ließe er sich darauf ein – die Frage innerhalb der Weltsicht seiner Mutter zu diskutieren.“ Besser wäre es laut Expertin, wenn der Sohn einen Frame für sein eigenes Wertesystem fände, also darüber spräche, wie wichtig er Großzügigkeit findet und dass ihn der Geiz seiner Mutter stört.

6. Ausgeheckt
Sprachforscherin Wehling empfiehlt, in der Regel auf sogenanntes „Hedging“ zu verzichten, also zum Beispiel auf verklausulierende Formulierungen wie „Ich würde doch annehmen, dass“ oder „Ich möchte vielleicht noch anmerken, dass“. Gerade Frauen neigten zu derartigen Füllseln. In manchen Situationen, in denen man sehr viel Wert auf Höflichkeit lege, seien sie angebracht.

Aber gerade im Bewerbungsgespräch solle man sie sich verkneifen. „Hedge kommt von Hecke“, erläutert Wehling. „Und beim Hedging verstecken Sie Ihre Botschaft hinter Hecken und distanzieren sich somit gedanklich vom Inhalt Ihrer Worte.“

7. Der Körper als Pflanze
Sogar in der Therapie für Menschen mit Essstörungen setzen Therapeuten auf die Kraft der richtigen Frames. So betrachten sich viele Betroffene als ein Gefäß, das am besten leer sein sollte. Fülle erzeugt dagegen Schuldgefühle. „Das Denkmuster wird immer wieder verfestigt, indem Begriffe wie ‚vollgestopft‘ oder ‚in sich reinfressen‘ genutzt werden“, sagt Wehling.

„Es hilft Patienten, wenn sie lernen, einen alternativen Frame zu entwickeln, zum Beispiel von ihrem Körper als Pflanze oder Organismus.“ Dann werde die Nahrung zu einer Frage der Nährstoffe. Es gehe dann nicht mehr um viel oder wenig, sondern um das richtige Essen, das gut für den Körper ist und ihn als Organismus stärkt.


8. Darum kein Warum

Warum-Fragen bringen im besten Fall nicht weiter („Warum finden Sie das Bild schön?“), im schlechtesten Fall lösen Sie Widerstand im Gegenüber aus („Warum willst du nie mit mir reden?“) und treiben den Gesprächspartner in die Rechtfertigung. Zienterra rät zu anderen W-Fragen wie „Wann wollen wir mal reden?“ oder „Was findest du an dem Bild schön?“.

9. Nicht immer nicht
Wichtig zu wissen ist, wie schwer sich das Gehirn mit Verneinungen tut. Den Satz „Stellen Sie sich keinen grünen Osterhasen vor“ kann niemand lesen, ohne an einen ebensolchen zu denken. Diesen Umstand nutzt Gabriele Zienterra, die sich auch „Expertin für wertvolle Kommunikation“ nennt, beim Coaching.

„Wenn jemand sagt, etwas sei schwer, sage ich gerne: ‚Stimmt, das ist nicht leicht‘. Schon ist es leichter. Das ’nicht‘ wird nicht verstanden.“ Umgekehrt gilt: Wer pünktlich sein will, sollte lieber auf den Satz: „Ich will nicht zu spät kommen“ verzichten. Besser: „Ich will rechtzeitig da sein.“ Auch den Spruch „Hab keine Angst“ gilt es aus dem Wortschatz zu streichen, wenn man jemanden beruhigen will. Zienterra rät stattdessen zu Formulierungen wie: „Du bist gut vorbereitet“ oder „Du hast oft gezeigt, dass du es kannst.“

10. In vollständigen Sätzen reden
Wer beginnt, seiner Sprache mehr Aufmerksamkeit zu schenken, merkt, wie oft er Sätze anfängt, die er nicht zu Ende führt, und wie oft er gedanklich kreuz und quer springt: „Bei dem Gespräch letzte Woche – du weißt ja, wir haben da diesen neuen Kunden – jedenfalls, da habe ich mir gedacht, und mein Chef fand das auch eine gute Idee …“ Da hilft es zum einen, sich klar zu machen, dass Zuhörer nur ein Bild pro Satz verarbeiten können. Und es hilft, in kompletten Sätzen zu sprechen. „Es ist für die anderen anstrengend, wenn sie unsere Sätze vervollständigen müssen“, lehrt Mechthild von Scheurl-Defersdorf ihre Lingva-Eterna-Schüler.

Oft war denen das vorher nicht bewusst. Etwa bei der Formulierung „Darf ich mal durch?“, der bei genauerem Hinsehen eindeutig ein Verb fehlt. Deutlicher wäre es zu sagen: „Lassen Sie mich bitte durchgehen.“ Ein klares „Zieht bitte eure Schuhe an!“ bringt Kinder erfahrungsgemäß eher dazu, es auch zu tun, als ein kurzes „Schuhe anziehen!“ Scheurl-Defersdorf ist überzeugt: „Wenn man seine Sätze vervollständigt, findet auch alles im Leben seinen Platz. Ganze Sätze, ganzes Glück. Halbe Sätze, halbes Glück.“

Ein weiterer sprachlicher Stolperstein: Der häufige Gebrauch von Passivsätzen. „Menschen, die überwiegend Aktivsätze gebrauchen, sind aktiv und gestalten ihr Leben Schritt für Schritt“, so von Scheurl-Defersdorf.

11. Auf den Punkt kommen!
Von Scheurl-Defersdorf rät dazu, in kurzen, klaren Sätzen zu sprechen, um sich zu sortieren. Und sie empfiehlt, darauf zu achten, die Stimme am Ende des Satzes abzusenken. So weiß der Zuhörer, dass ein Gedanke zu Ende ist. Wer die Stimme gewohnheitsmäßig oben lässt, kommt im wahrsten Sinne des Wortes nicht „auf den Punkt“.

Das lohnt sich nicht, sagt die Expertin: „Menschen mit einer solchen beständig von Neuem ansteigenden Satzmelodie arbeiten in ihrem Leben zu viel, gemessen an dem, was dabei herauskommt.“

12. Ein bisschen Frieden
Auch wenn wir uns nach Frieden sehnen, ist unsere Sprache oft erstaunlich brutal: Da werden Anrufer am Telefon „abgewürgt“, Projekte „in Angriff“ und Ideen ins „Visier“ genommen, „schwere Geschütze aufgefahren“, Pläne sind „kriegsentscheidend“ – und wenn wir richtig Spaß haben, ist es eine „Mordsgaudi“. Welche unbewussten Speicherungen wir mit diesen Worten aktivieren, machen wir uns oft nicht klar: „Bombenwetter war das Wetter, bei dem die Bomber im Krieg flogen.

Bei gutem Wetter hatten sie gute Sicht“, erklärt von Scheurl-Defersdorf. „Das Grauen der beiden Weltkriege schwingt in diesen Redewendungen noch mit.“ Dabei ist verbales Abrüsten simpel. Statt einen „Vorschlag“ zu machen, kann man auch eine „Empfehlung“ geben. Pazifismus zahlt sich aus, versichert die Sprachwissenschaftlerin: „Hebammen berichten, dass Geburten leichter gehen, wenn die Frauen ihre Kinder ‚bekommen‘ und nicht mehr ‚kriegen‘.“

Auch wenn sich einzelne Worte schnell austauschen lassen: Jahrelang antrainierte Sprachgewohnheiten ändern wir nicht von heute auf morgen. Mechthild von Scheurl-Defersdorf rät daher zu Geduld: „Alles, was Hand und Fuß hat, braucht neun Monate.“

Und jetzt noch: ein Zauberwort
Wenn es mit dem bewusster Reden nicht gleich klappt, hilft sicher ein bei Yogalehrern beliebtes Zauberwort. Von wegen „Ich kann das nicht.“ Ungleich optimistischer hört sich doch die Formulierung an: „Ich kann das noch nicht.“

Lehmann und B. Strohmaier
Quelle: Die Welt

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